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Eine taube Katze adoptieren: Was sich im Alltag wirklich ändert

Titelbild
Als Kater Misho im Jahr 2020 nach Deutschland kam, war er sieben Jahre alt und hatte bereits eine Krebsoperation hinter sich. Der Tierschutzverein Fellnasenglück grenzenlos e.V. hatte ihn aus Bulgarien geholt, wo er bei einer älteren Dame gelebt hatte, die verstorben war. Bei der tierärztlichen Untersuchung in Deutschland fielen Tumore in beiden Gehörgängen auf. Sie wurden entfernt, das Gehör ging dabei fast vollständig verloren.

Ein Zuhause fand der taube Kater trotzdem: bei Saskia Kanne in Bad Kreuznach. Sechs Jahre später zeigt ihre Erfahrung, dass der Alltag mit einer tauben Katze unspektakulärer ist, als viele Adoptionsinteressenten befürchten. Zwei Entscheidungen sollten allerdings schon vor der Adoption fallen.

Woran Sie merken, dass eine Katze nicht hört

Eine taube Katze reagiert nicht auf Geräusche, die sie nicht sehen kann: das Rascheln der Leckerli-Tüte hinter ihr, den Ruf aus dem Nebenzimmer. Sie schläft auffallend tief, erschrickt bei unerwarteter Berührung und miaut oft ungewöhnlich laut, weil sie die eigene Lautstärke nicht hört. Sicherheit gibt allerdings nur ein Hörtest beim Tierarzt, der sogenannte BAER-Test, bei dem die Reaktion der Hörbahn auf Klickgeräusche gemessen wird. Gerade einseitig taube Katzen verhalten sich im Alltag nämlich fast unauffällig. Eine ausführliche Übersicht dazu, woran Sie eine taube Katze erkennen, hat Kanne in ihrem eigenen Katzenratgeber zusammengestellt.

Bei Misho ist eine Restwahrnehmung geblieben. Er registriert manche Geräusche minimal, kann aber nicht zuordnen, ob sie von rechts oder links kommen. Seine Tierärztin beschrieb es mit einem einprägsamen Bild: als müsste jeder Ton durch eine sehr dicke Gelschicht zu ihm durchdringen.

Wie die Verständigung ohne Gehör funktioniert

Über drei Kanäle: Sehen, Berührung und Vibration. Das klingt nach einer großen Umstellung, wird aber schneller zur Gewohnheit, als viele denken.

Die wichtigste Regel lautet, sich der Katze immer von vorn zu nähern, wo sie einen sehen kann. Handzeichen für „komm her“ oder „Futter“ funktionieren erstaunlich gut, vorausgesetzt, alle im Haushalt benutzen dieselben. Ein sanftes Aufstampfen auf den Boden spüren viele taube Katzen über die Vibration und drehen sich um.

Ein Detail hat in Mishos Zuhause den größten Unterschied gemacht: Geweckt wird er nie durch Antippen am Körper. Stattdessen berühren seine Menschen zuerst sanft die Decke oder das Sofa neben ihm. Er spürt die Bewegung, wacht ruhig auf und erschrickt nicht. Wer schon einmal eine schlafende taube Katze direkt angefasst hat, weiß, wie viel Stress diese kleine Gewohnheit auf beiden Seiten erspart.

Freigang: die Entscheidung, die vor der Adoption fallen muss

Hier gibt es wenig abzuwägen: Unkontrollierter Freigang kommt für eine taube Katze nicht infrage.

Um zu verstehen warum, hilft ein Blick auf die Doppelrolle, die die Ohren für Katzen spielen. Tief im Innenohr sitzt der Vestibularapparat, eine Art hochpräzise Wasserwaage: Er ist mit Flüssigkeit und winzigen Kristallen gefüllt, deren Lage sich bei jeder Bewegung verschiebt. Das Gehirn erfährt so blitzschnell, in welcher Position sich der Kopf im Verhältnis zum Körper befindet, und löst die Reflexe aus, die für Gleichgewicht und eine stabile Körperhaltung sorgen. Die äußere Ohrmuschel arbeitet dagegen wie eine Radarschüssel: Katzen drehen ihre Ohren unabhängig voneinander um bis zu 180 Grad und orten Geräuschquellen auf etwa anderthalb Grad genau, der Mensch schafft gerade einmal gut acht Grad. Erst das Zusammenspiel aus beidem, innerer Kompass und äußeres Radar, ergibt die berühmte Geschicklichkeit und räumliche Orientierung der Katze.

Bei einer tauben Katze fällt genau die Radar-Hälfte aus. Der Gleichgewichtssinn bleibt in der Regel erhalten, sie klettert, springt und balanciert wie jede andere Katze. Was fehlt, ist das Frühwarnsystem für alles außerhalb des Sichtfelds. Sie hört das Auto nicht, den Hund nicht, den Rasenmäher nicht. Sie sieht die Gefahr erst, wenn sie im Blickfeld ist, und das ist draußen oft zu spät. Auch das Heimfinden über Rufen entfällt.

Die Alternativen sind ein gesicherter Balkon, ein katzensicher eingezäunter Garten oder Spaziergänge an Geschirr und Leine. Misho lebt als reiner Wohnungskater und zeigt keinerlei Drang nach draußen. Die zweite Katze im Haushalt, Tutti, hört normal und ist Freigängerin. Beides nebeneinander funktioniert problemlos. Wie Sie die Wohnung auf ein Tierschutztier vorbereiten, gilt für taube Katzen genauso, nur konsequenter: Gekippte Fenster und ungesicherte Balkone sind hier keine Nachlässigkeit, sondern ein echtes Risiko. Sinnvoll sind außerdem ein Chip und eine Adressmarke mit dem Hinweis „Ich bin taub“, falls die Katze doch einmal entwischt.dsdsd

Wie viel Mehraufwand eine taube Katze wirklich bedeutet

Im Tagesablauf: fast keiner. Füttern, Spielen, Katzenklo, Kuscheln, nichts davon läuft anders als bei einer hörenden Katze. Misho gilt in seiner Familie als der verschmusteste Kater überhaupt. Ein großer Spieler war er dagegen nie: Es bleibt bei den verrückten fünf Minuten, die jeder Katzenhaushalt kennt, und ab und an wälzt er sich ein paar Minuten mit einem Katzenkissen. Mit der Taubheit hat das nichts zu tun, das ist schlicht sein Charakter. Auch das gehört zur ehrlichen Erwartung an eine erwachsene Katze aus dem Tierschutz: Sie bringt ihre Persönlichkeit fertig mit.

Der tatsächliche Mehraufwand liegt an drei Stellen. Erstens die einmalige Absicherung der Wohnung. Zweitens die Achtsamkeit beim Annähern und Wecken, die nach wenigen Wochen in Fleisch und Blut übergeht. Drittens, und das ist der ehrlichste Punkt: die gesundheitliche Vorsorge. Je nach Ursache der Taubheit sind regelmäßige Kontrollen beim Tierarzt nötig. Bei Misho waren es die Ohren, die im Blick bleiben mussten.

Was sich dagegen nicht behaupten lässt: dass es gar keinen Unterschied gibt. Eine taube Katze verzeiht weniger Gedankenlosigkeit. Wer im Trubel lebt und wenig Routine bieten kann, macht es ihr unnötig schwer.

Wie eine taube Katze mit anderen Katzen zurechtkommt

Eine Sorge, die sich auch Mishos Familie gemacht hat: Behandelt die zweite Katze ihn anders, wenn er nicht hört und nach der zweiten Operation nur noch ein Ohr hat? Verliert er womöglich seinen Rang im Haushalt?

Die Sorge ist verständlich, aber unbegründet, und das lässt sich auch fachlich erklären. Katzen erkennen und bewerten einander in erster Linie über Geruch und Körpersprache, nicht über das Aussehen. Ein fehlendes Ohr ist für eine Artgenossin schlicht keine relevante Information. Wenn eine Katze nach einem Tierarztbesuch tatsächlich einmal angefaucht wird, liegt das am fremden Klinikgeruch, den sie mitbringt, nicht an ihrem veränderten Äußeren. Dieser Effekt legt sich in der Regel nach wenigen Tagen von selbst.

Einen Punkt sollten Mehrkatzenhaushalte trotzdem kennen: Eine taube Katze überhört die leisen akustischen Warnsignale ihrer Mitkatze, das Knurren oder Fauchen, mit dem Katzen normalerweise „lass mich in Ruhe“ sagen. Daraus können anfangs Missverständnisse entstehen, wenn die taube Katze weiter auf eine genervte Artgenossin zuläuft. Ausreichend Rückzugsorte und erhöhte Liegeplätze entschärfen das zuverlässig.

Bei Misho und Tutti hat sich durch Taubheit und Ohrverlust nichts verändert. Im Gegenteil: Die hörende Tutti ist für ihn eine Art lebender Kompass geworden. Er orientiert sich an ihrem Verhalten, wenn im Haushalt etwas passiert, das er nicht hören kann, und sie bekommt davon nicht einmal etwas mit.

Was der Tierschutzverein geleistet hat

Dieser Punkt beschäftigt Adoptionsinteressenten zu Recht, und Mishos Fall zeigt, wie es laufen sollte. Der Verein hat den Kater nicht nur aus Bulgarien nach Deutschland geholt. Die Tumore wurden überhaupt erst durch die tierärztliche Untersuchung hier entdeckt, und die Operation fiel noch in die Verantwortung des Vereins, nicht in die der künftigen Familie. Als Misho vermittelt wurde, wussten seine neuen Menschen genau, worauf sie sich einlassen: operiert, nahezu taub, mit allem, was dazugehört.

Diese Transparenz ist bei seriösen Vereinen der Normalfall, kein Glücksfall. Fragen Sie vor der Adoption trotzdem gezielt nach: Ist die Katze ein- oder beidseitig taub? Welche Befunde liegen vor? Was ist im Schutzvertrag geregelt? Ein Verein, der auf solche Fragen ausweichend antwortet, ist ein Warnsignal. Einer, der ungefragt alle Unterlagen vorlegt, ein gutes Zeichen.

Wenn die Krankheit zurückkommt

2024 kehrte der Krebs an einem von Mishos Ohren zurück. Diesmal half nur noch die vollständige Abnahme des Ohrs. Seitdem ist er ein Einohrkater, und nach Auskunft seiner Familie genauso lebensfroh wie vorher. Katzen hadern nicht mit ihrem Aussehen. Das tun nur wir Menschen.

Für Adoptionsinteressenten heißt das: Bei einer Katze mit Vorerkrankung sollte die Möglichkeit einkalkuliert werden, dass später etwas dazukommt. Klären Sie vor der Adoption, ob Sie eine finanzielle Rücklage bilden oder eine Tierkrankenversicherung abschließen wollen. Bei Tieren mit dokumentierter Vorgeschichte lohnt sich der genaue Blick in die Bedingungen, denn bestehende Erkrankungen sind oft ausgeschlossen. Diese Entscheidung im Ernstfall unter Zeitdruck treffen zu müssen, ist die schlechteste Variante.

Für wen eine taube Katze passt und für wen nicht

Sie passt zu Menschen, die Wohnungshaltung oder gesicherten Freigang bieten können, einen halbwegs ruhigen Haushalt haben und bereit sind, sich ein paar neue Gewohnheiten anzueignen. Eine hörende Zweitkatze ist dabei kein Muss, aber ein echter Gewinn, wie das Beispiel von Misho und Tutti zeigt.

Sie passt nicht zu Menschen, für die Freigang nicht verhandelbar ist, oder in ein sehr lautes, unvorhersehbares Umfeld mit ständig wechselnden Personen.

Manchmal verändert so eine Adoption übrigens mehr als nur den Alltag der Katze. Bei Saskia Kanne war der taube Kater aus Bulgarien der Anfang von allem: Aus der Erfahrung mit ihm entstand erst ihre Liebe zur Katzenwelt, später ein eigener Katzenratgeber und schließlich eine kleine Geschenkemarke für Katzenmenschen. Ohne Misho gäbe es das alles nicht. Er war zuerst da, der Rest kam seinetwegen.

Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, schauen Sie gezielt nach den Katzen, die als Notfälle gelistet sind. Tiere mit Handicap warten dort am längsten. Und sie bringen, das zeigen sechs Jahre mit Misho, kein bisschen weniger mit als alle anderen.

Saskia Kanne lebt mit ihren beiden Tierschutzkatzen Misho und Tutti in Bad Kreuznach. Aus der Adoption des tauben Katers entstand ihre Marke Katzenmuddi, auf der sie auch über den Alltag mit Katzen schreibt.